Was ABO Energy in Gifkendorf plant
Was auf den ersten Blick nach einem reinen Klimaschutzprojekt klingt – „sauberer Strom für 54.000 Menschen, 68.000 Tonnen weniger CO₂ pro Jahr“ – ist in Wirklichkeit ein klassisches Beispiel dafür, wie wirtschaftliche Interessen, gesetzliche Anreize und lokale Belastungen miteinander verknüpft sind. Das Projektierunternehmen ABO Energy verfolgt dabei eine klare Strategie: Es nutzt politische Vorgaben, Fördergesetze und die Ausweisung von Vorranggebieten, um möglichst profitabel Windparks zu realisieren.
Das Projekt im Überblick
- Standort: südlich von Gifkendorf (Gemeinde Vastorf, Landkreis Lüneburg)
- Umfang: bis zu fünf Windenergieanlagen (WEA)
- Ertrag: rund 90 Mio. kWh Strom jährlich
- Abstände: 900–1000 m zu Wohnsiedlungen, Errichtung teils im Nadelwald
Wirtschaftliche Logik im Hintergrund
ABO Energy rechnet den Gemeinden vor, dass sie durch das Projekt Einnahmen erzielen werden – konkret 87.000 Euro für Vastorf, 65.000 Euro für Bienenbüttel und 28.000 Euro für Altenmedingen pro Jahr. Über 20 Jahre ergibt sich daraus ein Betrag von etwa 3,6 Millionen Euro.
Diese Zahlen wirken beeindruckend, doch relativieren sich schnell:
- Für eine Kommune mit Millionenbudget sind solche Summen eher symbolisch als entscheidend.
- Die Hauptprofiteure bleiben Projektierer, Investoren und Flächeneigentümer, die durch Pachten und EEG-gesicherte Vergütungen über Jahrzehnte feste Einnahmen erhalten.
- Die Risiken – Wertverlust von Immobilien, gesundheitliche Belastungen durch Schall oder Schattenwurf, Verlust von Lebensqualität – tragen hingegen die Anwohner, ohne dass es hierfür echte Kompensation gibt.
Planungspolitik: Spielräume und Einfluss
Besonders aufschlussreich ist die Passage, in der ABO Energy offen beklagt, dass im zweiten Entwurf des Regionalen Raumordnungsprogramms (RROP) ein Teil der vorgesehenen Fläche („Anlage 5“) gestrichen wurde. Man „kann die Gründe nicht nachvollziehen“ und fordert eine Rückkehr zur ersten Fassung.
Das zeigt:
- Projektierer verstehen Raumordnungspläne nicht als demokratische Beschlüsse, sondern als verhandelbare Rahmenbedingungen, die sich im Sinne des Investors verschieben lassen sollen.
- Bürgerinteressen oder Landschaftsschutz treten in dieser Argumentation kaum in Erscheinung. Stattdessen geht es um Maximierung der Baufläche.
Natur und Landschaft als Nebenschauplatz
Die geplanten Anlagen sollen im Offenland und bewirtschafteten Nadelwald stehen. Das klingt harmlos – verschweigt aber:
- Wälder, auch Wirtschaftswälder, erfüllen wichtige ökologische Funktionen (Klimaregulation, Artenvielfalt, Erholungswert).
- Ein Eingriff durch Fundamentierung, Zuwegung und Rodung verändert diese Flächen dauerhaft.
- Für die Anwohner bedeutet der Standort im Nadelwald zudem, dass die riesigen Türme aus über 266 m Höhe über die Baumkronen hinaus sichtbar sind – das Landschaftsbild wird vollständig geprägt.
Beteiligung und „Transparenz“
ABO Energy betont seine Bemühungen um Transparenz – durch Webseiten, Infomessen, Visualisierungen. Doch diese Transparenz ist einseitig:
- Visualisierungen werden vom Projektierer erstellt, meist aus ausgewählten Perspektiven. Sie zeigen selten die volle Dimension der Anlagen im Verhältnis zu Siedlungen oder Kulturlandschaften.
- Die versprochene „Bürgerbeteiligung“ beschränkt sich auf Informationsveranstaltungen – die grundlegenden Entscheidungen (Flächenausweisung, EEG-Förderung, Genehmigungsrahmen) sind längst getroffen.
Zeitplan: Politik als Taktgeber
Der Ablauf zeigt, wie stark Windkraftprojekte von gesetzlichen und administrativen Rahmenbedingungen abhängen:
- 2025: Abstimmung mit Landkreis, Öffentlichkeitsbeteiligung
- 2026: Rechtsgültige Ausweisung der Fläche, Genehmigung
- 2027: Baubeginn
- 2028/29: Inbetriebnahme
Die eigentliche „Gestaltungsmacht“ liegt hier bei Regionalplanung, EEG-Vorgaben und Ausschreibungsverfahren. Für die betroffenen Dörfer bleibt nur die Rolle des Zuschauers.
Fazit: Gewinner und Verlierer
Das Projekt in Gifkendorf ist exemplarisch für den aktuellen Ausbau der Windenergie in Niedersachsen:
- Gewinner sind ABO Energy, Investoren und Flächeneigentümer, die von festen Einnahmen profitieren.
- Verlierer sind die Anwohner, die mit Belastungen und Eingriffen leben müssen, ohne echte Mitbestimmung.
- Gemeinden erhalten zwar Geld, doch dieses wirkt wie eine „Beteiligungsprämie“, die Akzeptanz erkaufen soll, ohne die eigentlichen Probleme zu lösen.
Die schöne Rechnung von „Strom für 54.000 Menschen“ ist letztlich nur die Verpackung. Dahinter steht ein Geschäftsmodell, das von staatlich garantierten Förderstrukturen lebt – und dessen Folgen vor allem die lokale Bevölkerung trägt.